Das Vermächtnis des Rainer Glagow


von Rainer Grell

Das Buch von Rainer Glagow „Allahs Weltordnung. Der politische Islam als Herausforderung für Demokratie und Gesellschaft“ hat mich sehr beeindruckt und stellenweise auch bewegt. Leider bin ich Herrn Glagow während meiner aktiven Zeit bei der BÜRGERBEWEGUNG PAX EUROPA als Pres­­­­sesprecher des Landesverbandes Baden-Württemberg nie persönlich begegnet. Trotzdem hat mich sein Tod sehr betroffen gemacht (wir sind der gleiche Jahrgang). Ich habe sein Buch wie ein Vermächtnis an uns alle gelesen. Selten habe ich eine solche Übereinstimmung meiner eigenen Beobachtungen und Ansichten mit denen eines mir völlig unbekannten Menschen erlebt (vgl. z.B. meinen Beitrag „Wir, der Islam und die Muslime“ bei BPE). Dies veranlasst mich, den nachstehenden Brief zu veröffentlichen, den ich als Pressesprecher bereits im Dezember 2007 an die Bundestagsabgeordneten Dr. Lale Akgün (SPD) und Ekin Deligöz (Bündnis 90/Die Grünen) sowie an Emine Demirbüken-Wegner (Mitglied des CDU-Bundesvorstandes und des Berliner Abgeordnetenhauses) geschrieben habe (ich habe nie eine Antwort darauf bekommen). Ich hatte dabei den gleichen Gedanken wie Rainer Glagow, der am Ende seines Buches (Seite 209 Nr. 15) schreibt:

Nur die reformbereiten Muslime und die säkular denkenden Intellektuellen – leider meist in der Minderheit – verkörpern Hoffnung. Es gilt, sie zu unterstützen, wo immer es möglich ist. Sie müssen ihre Glaubensbrüder von der unumgänglichen Notwendigkeit überzeugen, die Säkularisierung, also die Trennung von Religion, Staat, Politik und Recht, zu akzeptieren. Leider verfügen sie nicht über die Instrumentarien, um eine Islamreform zu ermöglichen.“

Noch einen weiteren Satz aus „Allahs Weltordnung“ möchte ich hervorheben (Seite 177):

Die Religiösität vieler Muslime verdient Respekt. Die oftmals verteufelte Islamkritik ist jedoch, wenn sie wissenschaftlich abgesichert ist, die Gesamtentwicklung im Auge behält und sich nicht ausschließlich an punktuellen Defiziten orientiert, niemals respektlos.“

Wir haben das Recht und – wie ich meine – auch die Pflicht, den Islam zu kritisieren, wenn er in Deutschland und Europa im Widerspruch zu Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten, zu unserer freiheitlichen Ordnung also, steht. Aber gerade weil wir den Menschenrechten einen so hohen Stellenwert beimessen, haben wir aber nicht das Recht, Menschen islamischen Glaubens verächtlich zu machen und zu beleidigen. Wenn sie sich allerdings durch sachliche Kritik beleidigt fühlen, zeigt das nur, wieweit der Weg ihrer Integration noch ist. Und in dieser Kritik sollten wir nicht müde werden, wenn wir unsere westlichen Werte und unsere freiheitliche Staats- und Gesellschaftsordnung auch unseren Kindern und Enkeln erhalten wollen.

Hier der Brief:

Rainer Grell

70597 Stuttgart

02.12.2007

Pax Europa Landesverband Baden-Württemberg

- Pressesprecher

E-Mail: Grell-Stuttgart@t-online.de


An

Frau

Dr. Lale Akgün, MdB

Ekin Deligöz, MdB

Emine Demirbüken-Wegner

Sehr verehrte Damen,

die Auseinandersetzung mit „dem Islam“ und „den Muslimen“ ist in Deutschland und Europa in vollem Gange. Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble hat die Deutsche Islamkonferenz etabliert, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel einen Integrationsgipfel initiiert und einen Nationalen Integrationsplan erarbeiten lassen. Dabei spielt die Frage eine wichtige Rolle, wer „die Muslime“ in Deutschland eigentlich repräsentiert. Bisher nehmen die muslimischen Verbände ZMD, DITIB, VIKZ und IRD an der Islamkonferenz teil und reklamieren die Vertretungskompetenz. Um das zu unterstreichen, haben sie am 11. April dieses Jahres den Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland gegründet. Daneben sind Einzelpersonen Mitglied der Islamkonferenz, darunter Seyran Ateş und Necla Kelek.

Wer sich kritisch zum Islam äußert läuft Gefahr, des „Rassismus“ oder der „Islamophobie“ bezichtigt und in die äußerste rechte Ecke gestellt zu werden, wenn er nicht gar Morddrohungen erhält, wie Sie, sehr verehrte Frau Deligöz, ja leider selbst erfahren mussten. Ali Bardakoğlu, Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) in der Türkei, soll sogar die Ansicht geäußert haben, wer den Islam kritisiert gefährde den Weltfrieden. Der Wiener Islamwissenschaftler und Imam Mouhanad Khorchide hat darauf hingewiesen, dass Muslime schnell beleidigt sind, wenn man sagt, dass eine islamische Aufklärung nötig ist. Dabei ist diese Forderung auch aus muslimischen Kreisen nicht mehr zu überhören. Eine Versachlichung der Diskussion ist daher unerlässlich.

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir eine Anregung: Warum gründen Sie nicht parteiübergreifend eine Organisation, die die Interessen der liberalen, aufgeklärten, säkularen, moderaten Musliminnen und Muslime in Deutschland vertritt, an deren demokratischer Gesinnung auch nicht der Hauch eines Zweifels besteht? Wenngleich es an fundierten Untersuchungen auf diesem Gebiet fehlt, so deutet doch alles darauf hin, dass diese Gruppe die überwiegende Mehrheit bildet, ohne dass dies aber in der öffentlichen Diskussion zum Ausdruck kommt. Die kritische Öffentlichkeit – nicht nur die Stammtische – nehmen den Islam und die Muslime in Deutschland in erster Linie aus der Perspektive der genannten Verbände wahr, die einen eher konservativen Islam vertreten. Dabei haben Sie einmal, sehr verehrte Frau Akgün, über den Zentralrat der Muslime in Deutschland gesagt: „Der Zentralrat hat nicht das geringste Recht, für die Muslime in Deutschland zu reden oder gar irgendwelche Regeln aufzustellen.“ Eine „Vereinigung liberaler Muslime in Deutschland“ wäre daher ein wichtiger Schritt, um der Mehrheit der in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslime Gewicht und Stimme zu verleihen und dadurch auch die öffentliche Meinung über den Islam positiver oder doch differenzierter zu gestalten. Zwar soll der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan gesagt haben „Es gibt keinen moderaten oder nicht-moderaten Islam. Islam ist Islam und damit hat es sich.“ Aber dies war wohl mehr eine politische Äußerung als eine Beschreibung der Realität.

Mit der Gründung einer solchen Vereinigung würden Sie der Demokratie in Deutschland, dem sozialen Frieden und der Integration von Musliminnen und Muslimen einen großen Dienst erweisen. Von wem sollte ein solcher Schritt ausgehen, wenn nicht von Ihnen?

Mit den besten Grüßen und allen guten Wünschen

Rainer Grell

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