Ist Deutschland ein Einwanderungsland?

Gastbeitrag von Rainer Grell, Leitender Ministerialrat a.D.
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Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deutschland ist kein Einwanderungsland. Ja was denn nun? Beides gleichzeitig geht nicht. Oder doch? Es geht, aber nur wenn man sich auf verschiedenen Ebenen bewegt: im ersten Fall auf der Ist-Ebene, im zweiten auf der Soll-Ebene. Und wo soll man sich bewegen. Nun, die Ist-Ebene bringt uns nicht weiter, sie beschreibt einfach – nicht mehr und nicht weniger. Die Soll-Ebene bringt dagegen einen Willen zum Ausdruck, eine Norm: Wir wollen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist oder eben nicht.

Es ist also ziemlich blödsinnig, triumphierend zu verkünden, Deutschland sei ein Einwanderungsland, wenn man damit ein bloßes Faktum meint. Politik beginnt zwar, nach einem Wort von Kurt Schuhmacher, mit der Betrachtung der Wirklichkeit. Aber nur, um entscheiden zu können, ob und gegebenenfalls wie man sie verändert. Sonst bräuchte man Politik nicht.

Halten wir also fest: Deutschland ist zweifellos insofern ein Einwanderungsland, als Menschen zu uns einwandern. Zum Stichtag 31. Dezember 2007 lebten im Bundesgebiet 82.217.837 Menschen. Davon waren 8,8 Prozent oder 7.255.395 Ausländer, also Einwanderer. Hinzu kommt noch einmal in etwa die gleiche Anzahl, die mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Insgesamt leben in Deutschland rund 15 Millionen Menschen „mit Migrationshintergrund“, das sind rund 18 Prozent der Gesamtbevölkerung. Am höchsten ist der Migrantenanteil in Großstädten, vor allem in Stuttgart mit 40 Prozent, in Frankfurt am Main mit 39,5 Prozent und in Nürnberg mit 37 Prozent. Bei den unter Fünfjährigen liegt dieser Anteil in sechs Städten bei über 60 Prozent, unter anderem in Nürnberg (67 Prozent), Frankfurt (65 Prozent), Düsseldorf und Stuttgart (jeweils 64 Prozent). Insgesamt hat knapp ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren in Deutschland einen Migrations­hintergrund (aus einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes).

Politisch entscheidend ist nun die Frage: Wie beurteilen wir diese Fakten. Heißen wir sie gut? Wollen wir diese Entwicklung noch weiter verstärken? Oder wollen wir sie bremsen oder ihr gar soweit wie möglich entgegenwirken. Mit anderen Worten: Wollen wir, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist oder wollen wir es nicht?

Bevor wir auf diese Frage näher eingehen, werfen wir kurz einen Blick auf die so genannten klassischen Einwanderungsländer, also die Ländern, die in der Vergangenheit oder immer noch für Einwanderung geworben haben und die große Einwanderungsströme erlebt haben: USA, Kanada, Australien. Warum gerade diese Länder? Ein Blick in die Statistik beantwortet diese Frage: Alle drei Länder weisen eine ausgesprochen niedrige Bevölkerungsdichte auf: USA 31 Einwohner pro km², Kanada 3,3 Einwohner pro km², Australien 2,7 Einwohner pro km². Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte der Erde liegt bei etwa 50 Einwohnern pro Quadratkilometer Landfläche (ohne Antarktis) (Wikipedia). In Deutschland haben wir demgegenüber eine Bevölkerungsdichte von 230 Personen je Quadratkilometer. Zum Vergleich: Frankreich 96,3 Einwohner pro km², Italien 199,3 Einwohner pro km², Spanien 91 Einwohner pro km², Großbritannien 246 Einwohner pro km².

Die Bevölkerungsdichte kann somit kein Grund sein, Deutschland zum Einwanderungsland zu erklären. Umso stärker wird die demographische Entwicklung in den Vordergrund gestellt. Das bedeutet im Wesentlichen zweierlei: In Deutschland sterben jährlich mehr Menschen als geboren werden, so dass die Bevölkerung stetig abnimmt. Die Menschen werden immer älter, so dass sich das Verhältnis von erwerbstätiger Bevölkerung zu den Menschen im Rentenalter immer mehr verschiebt. Die so genannte Alterspyramide wird langsam aber sicher auf den Kopf gestellt. So wurden im Jahr 2008 675.187 Menschen geboren, das heißt auf 1.000 Einwohner kamen 8,2 Geburten. Die Sterbezahl betrug demgegenüber 843.593, also 10,3 pro 1.000 Einwohner. Die Bevölkerung hat danach im vergangenen Jahr um 168.406 Menschen abgenommen. Falls sich dieser Trend weiter verstärken sollte, hätten wir in 50 Jahren rund 10 Millionen Einwohner weniger in Deutschland. Dieser Entwicklung kann man nur, so die politische These, durch mehr Einwanderung begegnen.

Sieht man genauer hin, so wird deutlich, dass dieses Argument für sich noch nicht trägt. Denn bei einer Bevölkerungszahl von rund 70 Millionen Einwohnern betrüge die Bevölkerungsdichte immer noch knapp 200 Einwohner pro km². Dies macht auch ein Vergleich mit dem Deutschen Reich deutlich, das mit einer Fläche zwischen 540.858 und 468.787 km² wesentlich größer war als die Bundesrepublik mit 357.104,07 km², aber zwischen 1871 und 1933 nur über eine Bevölkerungsdichte von 76 bis139 Einwohner pro km² verfügte. So wie das Schlagwort vom „Volk ohne Raum“ in den zwanziger und dreißiger Jahren falsch war, so ist es heute die These vom „Raum ohne Volk“, die wegen der unangenehmen Assoziation natürlich unausgesprochen bleibt.

Also muss die demographische Entwicklung für die Begründung herhalten, Deutschland sei auf Einwanderung angewiesen. Das erscheint auf den ersten Blick plausibel. Denn wenn immer weniger Junge immer mehr Alte ernähren, also deren Altersversorgung verdienen müssen, ist irgendwann die Belastungsgrenze überschritten. Die Frage ist aber, ob dieses Problem durch Einwanderung tatsächlich gelöst wird. Derzeit besteht schon deshalb kein Bedarf an immer mehr Arbeitskräften, weil wir rund

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3,5 Millionen Arbeitslose haben (vor ein paar Jahren waren es gut fünf Millionen und könnten es auch bald wieder sein). Mehr Einwanderung würde also prinzipiell nichts weiter bewirken, als diese Zahl zu erhöhen. Nach den Veröffentlichungen der Bundesagentur für Arbeit betrug der Anteil der Ausländer an der Arbeitslosigkeit im Januar 2009 522.405 oder 15 Prozent. Dabei sind eingebürgerte Migranten natürlich nicht mitgezählt, weil sie ja Deutsche sind, die 2.960.327 der Arbeitslosen stellten, zusammen also 3.482.732. Das zeigt: Migranten sind bei der Arbeitslosigkeit überproportional vertreten.

Hinzu kommt, dass die Wirtschaft – jedenfalls vor der aktuellen Krise – trotz der hohen Arbeitslosigkeit in einigen Branchen händeringend Fachkräfte suchte, diese also offenbar unter den Arbeitslosen nicht zu finden waren.

Dieses Ergebnis wird auch in anderen Untersuchungen bestätigt: 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen in Deutschland – die mit Abstand die größte Migrantengruppe bilden – haben keinen Schulabschluss, nur 14 Prozent haben das Abitur – nicht einmal halb so viele wie in der deutschen Bevölkerung, weniger auch als bei den anderen Zuwanderergruppen. Auch haben Menschen mit türkischem Migrationshintergrund mit dem geringsten Erfolg aller Migranten teil am Erwerbsleben: Sie sind häufig erwerbslos, die Hausfrauenquote ist hoch, viele sind abhängig von Sozialleistungen.

So führten die niedrige Geburtenrate und die Bevölkerungsschrumpfung wegen der hohen Zuwanderungen nicht zu einem Verschwinden der Arbeitslosigkeit, sondern zu Arbeitskräfteknappheit bei gleichzeitiger Massenarbeitslosigkeit (Prof. em. Dr. Herwig Birg, Universität Bielefeld).

Wir können es drehen, wie wir wollen: Zuwanderung, jedenfalls in der jetzigen Form, löst unsere Probleme nicht, sondern verstärkt sie nur. Wobei die Probleme der Integration in diesem Zusammenhang nicht einmal berücksichtigt sind. Es ist also falsch, Deutschland als Einwanderungsland zu bezeichnen und die Einwanderung zu forcieren. Die Probleme, die wir uns dadurch aufladen, sind bei weitem größer als die Lösungen, die wir erhalten.

Unsere Politiker haben offenbar noch nicht gemerkt, dass die Zeiten, in denen Deutschland dringend ungelernte Arbeitskräfte brauchte, längst vorbei sind. Die strukturellen Änderungen in der Wirtschaft und die globale Konkurrenzsituation erfordern heute hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Nur soweit dieser Bedarf nicht aus der eigenen Bevölkerung gedeckt werden kann, könnte erwogen werden, die benötigten Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben, also Einwanderung zuzulassen. Ein Einwanderungsland wird Deutschland bei einer solchen Politik nicht, selbst wenn diese Personen länger oder gar auf Dauer bei uns bleiben. Denn hoch qualifizierte Arbeitskräfte gehen dorthin, wo sie die besten Angebote bekommen und nicht die höchsten Sozialleistungen.

Da zeigt sich neuerdings an den Auswanderungszahlen. Während Auswanderung in Deutschland nach Beendigung der „Nachkriegszeit“ kaum zu verzeichnen war, ist sie in den letzten Jahren wieder aktuell geworden. „Wie das Statistische Bundesamt zum Weltmännertag [das gibt es auch!] am 3. November [2007] mitteilt, wurden im Jahr 2006 155 300 Fortzüge deutscher Staatsangehöriger (Frauen und Männer zusammen) aus Deutschland registriert; das ist die höchste Zahl deutscher Auswanderer seit dem Jahr 1954. Von den ausgewanderten Deutschen insgesamt waren deutlich mehr als die Hälfte Männer (56%).

Das Durchschnittsalter der fortgezogenen Deutschen lag 2006 bei 32,2 Jahren, wobei die Männer im Schnitt 2,5 Jähre älter waren als die Frauen.

Die beliebtesten Zielländer 2006 der Deutschen insgesamt waren – wie schon im Vorjahr – die Schweiz (18 000; 12%), die Vereinigten Staaten (13 800; 9%) und Österreich (10 300; 7%).“

In Wirklichkeit dürfte die Zahl noch höher liegen, weil die offizielle Statistik nur diejenigen erfasst, die sich bei ihrer Abreise auch ordnungsgemäß abgemeldet haben.

An der Spitze der Auswanderer stehen dabei diejenigen, auf die ein rohstoffarmes Land wie Deutschland am wenigsten verzichten kann: die Wissenschaftler mit fast 20 Prozent. Auf den Punkt gebracht haben wir also folgende Situation: Die Elite wandert aus, der Durchschnitt (wenn überhaupt) wandert ein. Ein tolles Ergebnis.

Juni 2009 Rainer Grell

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5 Antworten zu Ist Deutschland ein Einwanderungsland?

  1. Herbert Jacobi schreibt:

    Danke Herr Grell, für diesen ausgezeichneten Artikel und Ihre Recherche. Aber warum nimmt sich kein Politiker dieser Thematik an? Gerade jetzt, wo die Bundestagswahl bevorsteht, gäbe es genügend Anatzmöglichkeiten – z. B. über http://www.abgeordnetenwatch.de – der Politik auf den Zahn zu fühlen. Wer anders als wir – das Volk – müssen es tun! Also: Ran an die „volksfernen Vertreter“.

  2. E. Ehlers schreibt:

    Dass wir ein Einwanderungsland sind, wurde uns von GrünInnen (frei nach Joschka Fischer, der die deutsche Bevölkerung „verdünnen“ wollte s.“Risiko Deutschland“) solange vorgebetet, bis selbst die CDU das glaubte.
    OK, Einwanderungsland, wenn damit gemeint ist, dass der Bedarf nach Zuwanderern genau ermittelt wird und nur diese -vielleicht sogar erst einmal begenzt auf einen best. Zeitraum -hier leben dürfen.
    Langfristig sollten wir einfach andere Lösungen finden, als auf Zuwanderung zu setzen, denn wir haben erst einmal über Jahrzehnte damit zu tun, die zu integrieren, die hier leben und das wird den Steuerzahler enorm viel kosten.
    Und: es muss eine andere Bezeichnung gefunden werden, denn wir sind kein klassisches Einwanderungsland und das muss in der Politik auch thematisiert werden.

  3. bbp schreibt:

    Deutschland ist mitnichten ein Einwanderungsland – es wurde als solches erklärt. Und zwar von jenen, denen an der Destabilisierung der deutschen Gesellschaft massiv gelegen sein muss.

    Kennen wir sie nicht, die utopistischen Gesellschaftskonstrukteure – diejenigen, die mit ihrem Toleranz- und Tugendfaschismus während der letzten 40 Jahre so viele Defizite und Schäden angerichtet haben, von denen sich Deutschland, falls es sich weiterhin so paralysieren lässt, nicht mehr erholen wird ?

    Über der Vernunft dröhnt auch das moralische Postulat, Deutschland müsse eine Opferschutzgesellschaft sein, wobei sämtliche Zuwanderer a priori „Opferschutz“ genießen, egal welcher Provenienz oder Qualität sie zuzuordnen sind.

    Deutscher Einwanderungspolitik fehlt der präventive Masterplan, der verhindern müsste, dass Deutschland tatsächlich in Richtung „überfüllter Mehrheitsgesellschaft“ transformiert.

  4. Horst Höppner schreibt:

    Volksbefragung, dann wäre Deutschland noch Deutschland.

  5. Nathaniel Hesse schreibt:

    Ich finde es lächerlich zu dementieren, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Herr Grell, ich nehme an, dass Sie den Mikrozensus 2009 gelesen haben, weil Sie ja richtigerweise zitieren, dass in Deutschland 18 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat.
    Da Sie sich in Ihrer Recherche auf Wikipedia stützen nehme ich mir das Recht raus mich auch dieser Quelle zu beziehen. „Der Begriff Einwanderungsland beschreibt einen Staat, […] in dem Einwanderer einen wesentlichen Anteil der Bevölkerung stellen.“ ,http://de.wikipedia.org/wiki/Einwanderungsland. Dies ist in Deutschland der Fall. Ich verstehe, also beim besten Willen nicht, wie Sie alle trotzdem sagen können, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist.
    Ich gebe zu, dass die Zuwanderung auch negative Aspekte birgt ( diese sind größtenteils durch Staat und Gesellschaft verursacht), aber ich würde niemals auf die Idee kommen, zu sagen Deutschland ist kein Einwanderungsland.

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