Der Kulturtransfer vom griechischen Altertum über Spanien ins europäische Mittelalter, am Beispiel von Ibn Sina (Avicenna)

von Norbert Lachner März 2015

 

1. Die denkerische Blütezeit in der Frühepoche des Islams (etwa 750‑1050), besonders in Persien

Abu Ali al-Husein Ibn Sina (Avicenna, 980‑1037)

Historischer Hintergrund:
Schiitische Buwayhiden aus dem kaspischen Hochland herrschten etwa 945‑1050 als Emire über Isfahan, Schiraz und Bagdad (Persien). In Chorasan (Persien), Buchara und Samarkand (Transoxanien), wo ebenfalls persisch gesprochen wurde, herrschte 874‑999 die zarathustrische Samanidendynastie.
Türken vom Gebiet des Baikalsees im Nordosten eroberten 990 Buchara. Der Türke Mahmud herrschte 998‑1030 in Ghazni (südlich von Kabul) über Persien bis nach Indien. Er baute eine prächtige Moschee und eine Hochschule, versammelte Wissenschaftler (z.B. Muhammad ibn Ahmad al-Biruni, 973‑1048) und Dichter (z.B. Abu’l-Qasim Mansur Firdausi, 934‑1020) um sich.
Als Rivalen Mahmuds waren um 1000 Scheldschuken (Türken) die Herren in Transoxanien und Turkestan.

Leben:
Ibn Sina wurde als Sohn eines Geldwechslers, der der ismaelitischen (schiitischen) Glaubensrichtung anhing, in Buchara geboren und von sufischen Privatlehrern unterrichtet. Er war mit 17 Jahren als Autodidakt Arzt bei dem Samaniden Nuh ibn Mansur in Buchara, später bei al-Mamun in Chorazan (weiter westlich, in Persien). Der mächtige und schreckliche Mahmud von Ghazni berief ihn an seinen Hof, er aber flüchtete nach Gorgan nahe dem Kaspischen Meer. Mahmud verbreitete einen Steckbrief und setzte einen Preis auf seine Gefangennahme. Doch er wurde beschützt von seinem Herren Quabus. Nach dessen Tod war er beim Emir von Hamadan. In einem Versteck, später im Gefängnis schrieb er Bücher. Er konnte fliehen und gelangte an den Hof des Buwayhiden-Emirs Ala ad-Dawna in Isfahan, wo er unermüdlich mit Studien, Unterricht und Regierungsangelegenheiten beschäftigt war. Er starb mit 57 Jahren auf einer Reise nach Hamadan.

Philosophie:
Der Philosoph Abu Yaqub Ibn Ishaq al-Kindi (800‑873) wirkte in Chorazan und Bagdad, er studierte die griechischen Philosophen und eignete sich einen Neoplatonismus an: Er unterschied den aktiven Verstand (Gott) vom passiven Verstand (Mensch). Er stand auf der Seite der Mutaziliten, bis ihre rationalistische Theologie 850 vom Kalifen al-Mutawakkil in Bagdad verboten wurde.


Abu Nasr al-Farabi (um 872‑950) schrieb in Bagdad Kommentare zu Aristoteles und eine Enzyklopädie über Philologie, Logik, Mathematik, Physik, Chemie, Volkswirtschaft und Politik. Er entwickelte einen Gottesbeweis mit dem Schluss auf einen Ur-Verursacher.
Ibn Sina studierte ebenfalls die griechischen Philosophen; erst durch die Schriften von al-Farabi verstand er Aristoteles. Er verband aristotelische und neoplatonische Ideen: Die allgemeinen Vorstellungen (Universalien wie „Mensch“, „Tugend“, „Röte“) existieren „ante res“ (vor den Dingen, im Geist Gottes), „in rebus“ (in den Dingen, da jedoch nicht losgelöst von ihnen) und „post res“ (nach den Dingen, in abstrahierten Ideen im menschlichen Geist). Diese Einteilung wurde von der mittelalterlichen Scholastik in Europa übernommen. Ibn Sina erfand auch die hypothetische Spielart des Syllogismus (Schlussfolgerung).
Wie die Mutaziliten und die späteren Scholastiker versuchte er eine Verbindung von Glaube und Vernunft, von Islam und griechischer Philosophie. Als Philosoph bestritt er (wohl zu Unrecht) die Unsterblichkeit der Seele, Gottes Interesse an Einzelheiten und die Erschaffung der Welt in der Zeit, weil er solches nicht mit seinem Gedankengebäude vereinbaren konnte.
Ibn Sina war so etwas wie ein Universalgenie seiner Zeit, er befasste sich außerdem mit Physik, Jura, Mathematik, Astronomie, Chemie und Musiktheorie. Astrologie und Alchemie lehnte er ab.
Religion:
Im Glauben war Ibn Sina zeitlebens ein frommer Moslem und hielt sich an die Scharia, philosophisch stand er den schiitischen Ismaeliten nahe. Es ist stark anzunehmen, dass er, wie viele große moslemische Denker und besonders auch Sufi-Mystiker, schon zum eigenen Schutz vor Anschuldigungen des Ketzertums die soziale Fassade des frommen Moslems aufrechterhielt. Er geriet jedoch in Konflikt mit sunnitischen Gelehrten, weil er drei Seelenvermögen unterschied und sie der Weltseele unterordnete.

2. Der Wissenstransfer in Philosophie, Medizin und Naturwissenschaft
Seit die moslemischen Araber zwischen 632 und 712 n.Chr. den Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika erobert und islamisiert hatten, blockierten sie den direkten Handel und kulturellen Austausch zwischen Europa und den griechischsprachigen Gebieten von Syrien bis Ägypten. Ab Anfang bis Mitte des 15. Jhts. waren auch Kleinasien (Türkei) und Bulgarien islamisch beherrscht. Von 650 bis 1100 beherrschten sarazenische Seestreitkräfte das Mittelmeer. Bis etwa 1700 machten moslemische Piraten das Mittelmeer unsicher.
Vor diesem Hintergrund ist anzunehmen, dass die Ideen der griechischen Philosophen auch ohne Vermittlung der Moslems den Eingang in das Denken des europäischen Mittelalters gefunden hätten. Allerdings wurden von der christlichen Theologie die erkenntnistheoretischen Ideen der griechischen Philosophie abgelehnt und unterdrückt, bis sie in der „Summa Theologiae“ des Thomas von Aquin (1225-1274), in Form einer Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben unter dem Primat des letzteren, eine annehmbare Verarbeitung gefunden hatten. Im Unterschied dazu verurteilte die Kirche zur gleichen Zeit den von Averroes vermittelten radikalen Aristotelismus, weil er z.B. die Ewigkeit der Materie postulierte, dagegen göttliche Vorsehung, Willensfreiheit, individuelle Unsterblichkeit und Vereinbarkeit von Vernunft und Offenbarung verneinte.

Unter den gegebenen Umständen gelangte somit die Rezeption der griechischen Philosophie ebenso wie die Sammlung und Fortentwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnisse damaliger Kulturen, was alles durch die moslemischen Denker während der denkerischen Blütezeit in Persien vom 8. bis 11. Jht. geleistet wurde, über Spanien an die europäischen Scholastiker, nämlich dadurch, dass von den unter moslemischer Herrschaft in Spanien ausgebildeten Gelehrten z.B. in Toledo nach dessen christlicher Rückeroberung im Jahr 1085 arabischsprachige Werke der Philosophie und Wissenschaft ins Lateinische und ins Hebräische übersetzt wurden. Auch moslemische Gelehrte blieben in den rückeroberten Gebieten, bis sie nach dem Fall Granadas 1492 ausgewiesen wurden.
Allerdings wurden kurz vor der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch die Osmanen viele der dort aufbewahrten Schriften des griechischen Altertums in den Westen geschafft und dort in der Folge auch ausgewertet.

Ibn Sinas Werk „Kanon“, das im 12. Jht. ins Lateinische übersetzt wurde und 1493 auf Hebräisch erschien, war in Europa bis etwa 1650 ein wichtiges Lehrbuch der Medizin.
Auch der in Spanien geborene Araber Ibn Rushd (Averroes, 1126‑1198), der Arzt und Rechtsgelehrter war, schrieb Aristoteles-Kommentare und wandte die Philosophie auf die Koranauslegung an, weshalb er schließlich verbannt und seine Werke verbrannt wurden. Jedoch waren seine Schriften vorher ebenfalls übersetzt worden und erlangten in der Scholastik große Bedeutung. Nur sein völlig islamgerechtes „Elementarbuch des Rechtsgelehrten“ wurde von den Moslems auf Dauer anerkannt.
Als wichtige Medizin-Lehrbücher waren im europäischen Mittelalter auch lateinische Übersetzungen der Werke des Bagdader Gelehrten Abu Bekr Muhammad al-Razi (Rhazes, 844‑926) bis ins 16. Jht. in Gebrauch.

3. Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs „Islamisierung“ in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung

(„Eine medizinische Handschrift aus dem Mittelalter zeigt, dass die Islamisierung des Abendlandes schon ziemlich früh begann“ von Johan Schloemann in der SZ vom 17./18. Januar 2015 – Feuilleton-Teil)
Der zuvor beschriebene Sachverhalt des Wissenstransfers wird zwar im Zeitungsbeitrag richtig dargestellt, jedoch als Beispiel für die „Islamisierung des Abendlandes“ gedeutet. Dazu ist zu sagen, dass die Aufnahme und Fortentwicklung der denkerischen Leistungen der Menschheit während dieser Blütezeit in Persien und ihre Vermittlung durch das arabischsprachige Weltreich an das mittelalterliche Europa sich ideengeschichtlich nicht unmittelbar aus dem Koran ergab und auch nicht durch die islamische Rechtsordnung der Scharia, die auf Koran und Sunna beruht und sich im 10. Jht. kristallisierte, gefördert wurde. Vielmehr muss man sagen, dass diese kulturellen Leistungen infolge günstiger historischer und regionaler Konstellationen unabhängig vom Islam, besser gesagt trotz des Islams möglich wurden. Die medizinischen und vielfältigen wissenschaftlichen Kenntnisse bezogen die Moslems in Persien zunächst von den Griechen, Byzantinern, Sassaniden, Indern, also aus den eroberten Kulturen oder auch durch Handelsbeziehungen (China). Nur indirekt trug der Gebrauch der arabischen Sprache von Persien bis Spanien zu diesem Vermittlungsvorgang bei, während er andererseits gebildete, die arabische Sprache beherrschende Christen und Juden in Spanien als Übersetzer erforderte und erst nach der christlichen Rückeroberung vor sich ging, auch mit Hilfe zunächst dort verbliebener moslemischer Gelehrter.
Zu der Zeit, als in der mittelalterlichen Scholastik, die von dem beschriebenen Kulturtransfer profitierte, die Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben formuliert wurde und die Vernunft als taugliches und berechtigtes Werkzeug bei der Suche nach dem Wahren und Schönen und zur Untermauerung des Glaubens behandelt wurde (Thomas von Aquin), war im sunnitischen Islam schon seit 150 Jahren die Philosophie aus der Theologie ausgeschlossen (al-Ghazali).
Diesen Wissenstransfer als „Islamisierung“ zu bezeichnen, ist somit verfehlt, weil erstens das Wissen nicht aus dem Islam stammte, weil es zweitens unabhängig vom, besser gesagt entgegen dem Islam mäßig fortentwickelt wurde und drittens schließlich von den christlichen Übersetzern nutzbar gemacht wurde, und zwar 150 Jahre, nachdem sich die islamische Welt zur Ablehnung von Vernunft und von kreativem Forschen entschlossen hatte, zwar eigentlich nur in der Islamauslegung, aber mit indirekter Auswirkung auch auf die Wissenschaft.
Gerade die Tendenzen der geistigen Unfreiheit und der archaischen Lebensordnung setzten sich im Islam im 12. Jht. durch und führten auch zum Rückstand beim wissenschaftlich-technischen Fortschritt. All dies ist im Begriff „Islamisierung“ enthalten, der jedoch im Zeitungsartikel wohl mit demagogischer Absicht eingesetzt wird, um jenen in der aktuellen Bedeutung, soweit er die schleichende Einführung der Scharia in Europa bezeichnet, zu entwerten. Die Presse enteignet und missbraucht damit bewusst einen Schlüsselbegriff der islamkritischen Pegida-Bewegung, im fortgesetzten Bemühen, deren Anliegen gegenüber einer uninformierten Masse als unbegründet hinzustellen. Die heute erfahrbare Islamisierung, deren weitere Zunahme bis zu ihrer vollen Durchsetzung bereits absehbar ist, steht ja gerade für das Gegenteil von Geistesfreiheit, von kreativer Wissenschaft, von freisinniger philosophischer Spekulation, von Gedankenfreiheit, Meinungsfreiheit und der Freiheit zu nichtislamischen und auch nichtreligiösen Weltanschauungen und Lebensweisen.
Von den geistigen Früchten der persischen Blütezeit kann man zur Abwechslung einmal sagen, dass sie mit dem Islam unmittelbar nichts zu tun haben. Manche moslemische Denker jener Epoche – Philosophen, Wissenschaftler und Dichter – lebten und äußerten sich recht freizügig und wenig islamgerecht, solange es vom Herrscher ihrer Genialität wegen geduldet wurde. Allenfalls könnte man bei den Wirkungen dieses Wissenstransfers von „Hellenisierung“ sprechen.

Was jedoch direkt mit dem Islam zu tun hat, sind die Eroberungen und Zerstörungen durch die Moslems, die sie nach Mohammeds Tod, aber in seinem Geiste ausführten. Nach der Einnahme Alexandrias im Jahr 642 unter dem zweiten „rechtgeleiteten“ Kalifen Umar wurden die ca. 600 000 Schriften der dortigen Bibliothek verbrannt. Im Jahr 1193 verbrannten moslemische Eroberer in der indischen Stadt Nalanda eine buddhistische Bibliothek von überragender Bedeutung.
Dass in Frankreich seit 1996 72 Bibliotheken von jungen Moslems angezündet wurden und etliche vollständig abbrannten (laut Süddeutscher Zeitung vom 14./15.2.15), könnte auch dem zur Sunna zählenden Vorbildhandeln des zweiten Kalifen geschuldet sein, denn außer den moslemischen Migranten käme wohl kaum jemand auf eine solche Idee, die auch mit der islamischen Anschauung „Boko haram“ – westliche Bildung ist verboten – übereinstimmt.
Von der Presse, z.B. der Süddeutschen Zeitung, werden Nachrichten von Untaten der Moslems in der Welt durchaus aufgegriffen, aber offenbar hauptsächlich, um die Deutungshoheit zu behaupten und auf der Suche nach Erklärungen alle möglichen Motive, wie etwa sozialpsychologische, zu präsentieren und den Islam als Ursache strikt auszuklammern.

Im 10. Jht. wurde in der islamischen Gedankenwelt nicht nur die aus Koran und Sunna abgeleitete Scharia ausformuliert, sondern auch die (sunnitische) Islamauslegung gerade in Ablehnung einer philosophisch-spekulativen Theologie auf die bis heute vorherrschende ascharitische Richtung festgelegt („Glauben ohne Nachforschung und Vergleich“). Spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter zeigte sich, dass die moslemische Welt in wissenschaftlicher Erkenntnis und technischem Fortschritt hinter dem Westen zurückblieb.

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2 Antworten zu Der Kulturtransfer vom griechischen Altertum über Spanien ins europäische Mittelalter, am Beispiel von Ibn Sina (Avicenna)

  1. H.Diehl schreibt:

    hervorragend!

  2. Pingback: Kirche heute, 30.Juli 2015 | Christliche Leidkultur

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